Auswirkung der AKW-Abschaltungen von 2011 auf die Strom-Außenhandelsbilanz

Nach Inkrafttreten des AKW-Moratoriums im März 2011, aber auch schon in der vorangegangen öffent­lichen Debatte um die inzwischen zurück­genommene Laufzeit­ver­längerung, war eine der zentralen Fragen, ob Deutsch­land nach der Abschaltung (eines Teils) seiner Kernkraftwerke Strom aus dem Ausland impor­tieren müsse. Teilweise wurde sogar der Eindruck erweckt, die Abschaltung eines deutschen AKWs würde zu Import von Atomstrom in entsprechender Menge führen, der Atomausstieg sei – europäisch betrachtet – in seiner Wirkung also nichts als ein Null­summenspiel. Im folgenden Text wird ein kritischer Blick auf die Veränderungen der Strom-Außenhandels­bilanz seit der Still­legung der 6 ältesten, sich noch in Betrieb befindlichen Kern­kraftwerke im März 2011 geworfen. (Bruns­büttel und Krümmel waren wegen Pannenserien seit Mitte 2007 fast durchgängig außer Betrieb, so dass trotz Abschaltungsbeschluss für insgesamt 8 Reaktoren effektiv nur die Erzeugungs­kapazität von 6 Kraft­werksblöcken in Höhe von 6,3 GW weggefallen ist.)

Auch nach den AKW-Abschaltungen liegt laut BDEW die in Deutschland verfügbare, ge­sicherte Kraftwerks­leistung noch bei 86,8 GW, welches weit über der prognostizierten Jahres­höchst­last von 80,6 GW liegt. Somit ist Deutschland problemlos in der Lage, seinen kompletten Bedarf – der in der Regel deutlich unter der Jahreshöchstlast liegt – aus eigener Erzeugung zu decken. Von „Stromlücke“ oder „Knappheit“ kann demnach keine Rede sein. Die dennoch auftretenden grenzüberschreitende Stromlieferungen folgen rein ökonomischen Gesetz­mäßigkeiten: Strom wird dort produziert, wo er am günstigsten ist. Dabei ist zunächst unerheblich, ob sich ein Kraftwerk diesseits oder jenseits der Grenze befindet. In der Praxis erlegt die limitierte Kapazität der grenz­über­schrei­ten­de Leitungen dem internationalen Stromhandel jedoch gewisse Beschränkungen auf.

In der folgenden Auswertung ist für den Verlauf der Jahre 2009 bis 2011 das tägliche Saldo der deutschen Stromimporte und -exporte aufgetragen. Deutlich sind jahreszeitliche Schwankungen im Stromaustausch mit den Nachbarn zu erkennen: In allen dargestellten Jahren ist der Groß­teil der deutschen Stromexporte auf die kalte Jahreszeit konzentriert, im Sommer wird jedes Jahr zeitweise per Saldo Strom importiert.

Zeitlicher Verlauf Netto-Stromexports in Gigawatt (gleitender Durchschnitt über 30 Tage)

Zeitlicher Verlauf Netto-Stromexports in Gigawatt (gleitender Durchschnitt über 30 Tage). Ein Wert von +2 bedeutet beispielsweise, dass an einem Tag ins­gesamt eine Strom­menge exportiert wurde, die der kontinuierlichen Leistung zweier AKWs (=2000 MW) entspricht. Negative Werte stehen für Importe in entsprechender Höhe.

Sucht man in der Grafik nach Einflüssen der AKW-Stilllegungen des Frühjahrs, wird man schnell fündig: Ab Mitte März 2011 ist deutlich zu erkennen, dass der Austauschsaldo mit dem Ausland stärker zurückgeht und die Phase des Imports länger ist als in früheren Jahren. Dennoch bleibt das saisonale Muster der Ver­gangenheit erhalten, und ab Oktober wird wieder mehr Strom exportiert als importiert. Insgesamt ist Deutsch­land 2011 keineswegs zum Strom-Importeur geworden, über das ganze Jahr gerechnet verbleibt ein Netto-Export von etwa 6.000 GWh (2010: ca. 15.000 GWh). Ob – wie eingewendet werden mag – dieses positive Ergebnis nun alleine den ersten zweieinhalb Monaten geschuldet ist, in denen 6 zu­sätz­liche Atommeiler am Netz waren, kann seriös noch nicht beantwortet werden. Aufgrund der starken jahres­zeitlichen Schwankungen des Strom-Außenhandels wird dazu erst die 12-Monats­bilanz von März bis März, in der dann auch die traditionell starken Exportmonate Januar bis März Berücksichtigung finden, belastbare Ergebnisse bieten.

Zumindest näherungsweise kann der Effekt saisonaler Schwankungen jedoch berücksichtigt werden, indem die Abweichung des Jahresverlaufs 2011 von dem der Vorjahre berechnet wird, wie in folgender Auswertung dargestellt:

Zeitlicher Verlauf der Abweichung des Stromexportsaldos 2011 vom Mittel­wert der beiden Vorjahre in Gigawatt (gleitender Durchschnitt über 30 Tage)

Zeitlicher Verlauf der Abweichung des Stromexportsaldos 2011 vom Mittel­wert der beiden Vorjahre in Gigawatt (gleitender Durchschnitt über 30 Tage). Hier bedeutet z.B. ein Wert von -1, dass an einem bestimmten Tag die Außenhandelsbilanz 2011 um die Leistung eines AKWs (=1000 MW) geringer ausfällt als für diesen Tag entsprechend des Mittelwerts der beiden Vorjahre zu erwarteten wäre.

Die Grafik zeigt deutlich, dass mit Beginn des Moratoriums zunächst die Leistung mehrerer AKWs von ausländischen Kraftwerken ersetzt wird, sei es, weil sich der deutsche Export verringert und deswegen im Ausland mehr Leistung für den Eigenbedarf bereitgestellt wird, oder weil tatsächlich Kraftwerksleistung von Deutschland importiert wird. (Im Früh­sommer wird der Effekt des damaligen Moratoriums durch wartungs­bedingte Kraftwerks­stillstände noch zusätzlich verstärkt.)

Ab August pendelt sich dann die Verringerung des Netto-Exports bei einer Leistung von etwa 1 GW ein. Im Klartext bedeutet das: Ab August wird im Ausland eine Strommenge zusätzlich erzeugt, die der weg­ge­fallenen Produktion eines der stillgelegten AKWs entspricht. Die restlichen 5 der insgesamt 6 ab­ge­schal­te­ten AKWs werden im Inland ersetzt!

Legt man den gesamten Zeitraum Mitte März bis Ende Dezember zu Grunde, beträgt die durch­schnittliche Ersatzleistung im Ausland 1,5 GW (entspricht ca. 1,5 stillgelegten AKWs) während im Inland in etwa 4,5 AKWs – teils aus Erneuerbare Energien und teils durch fossile Kraftwerke – ersetzt werden, was sich nicht zuletzt auch daran ablesen lässt, dass sich 2011 der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung auf 20% erhöht hat (Vorjahr: 17%). Insgesamt zeigt sich also, dass allen Unkenrufen zum Trotz 2011 etwa drei Viertel der still­ge­legten AKW-Leistung im Inland kompensiert wurde, davon ein guter Teil aus Erneuerbaren Energien.

zitiert in: Frankfurter Rundschau, Ökostrom kompensiert AKW-Abschaltung, 1.2.2012

Die den Auswertungen zugrunde liegenden Daten wurden vom Verband der Europäischen Übertragungs­netz­betreiber ENTSO-E auf den Websites entsoe.net und entsoe.eu veröffentlicht. Als Beginn des Aus­wertungs­zeitraum wurde das Jahr 2009 gewählt, da für die Rechnungen stundengenaue Daten verwendet werden, die in früheren Jahren nicht in aus­reichender Korrektheit erhoben worden sind. Die Richtig­keit und Voll­ständig­keit der Daten (sowie deren zukünftige Verfügbarkeit) möchte ENTSO-E leider nicht garantieren. Datenstand: 8.1.2012.

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3 Antworten auf Auswirkung der AKW-Abschaltungen von 2011 auf die Strom-Außenhandelsbilanz

  1. Eos Boarder sagt:

    Ein Fachmann weiß, das verfügbare Kraftwerksleistung (hier ist wohl installierte Kraftwerksleistung gemeint) nicht gleich verfügbare Kraftwerksleistung ist. Ein Teil der installierten Kraftwerksleistung ist durch Revision oder Betriebsstörungen stetig nicht verfügbar. Daraus ergibt sich ein Energiedefizit, das halt durch Importe abgedeckt werden muß.
    Was für ein Unsinn, “8 gefährlichsten Kernkraftwerke”, der Verfasser dieses Beitrages sollte die Stresstests dieser Kernkraftwerke zu Rate ziehen, was ihn dennoch in seiner Argumentation nicht auf den Weg der Erleuchtung bringen würde. Die Materie ist halt etwas komplexer und braucht einiges Fachwissen um sich ein Urteil erlauben zu können, als aus verschiedenen Quellen einen Beitrag zusammen zusammenzuzimmern, der versucht politische Fehlentscheidungen zu glätten und der Energiewirtschaft den schwarzen Peter zuzuschieben.
    Ideologisches Denken schränkt ein, Fachwissen bringt den Menschen voran.
    Publizisten heben sich in Deutschland über das Fachwissen. Das kann nicht gut gehen!

    • Thiemo sagt:

      Ein Fachmann weiß, das verfügbare Kraftwerksleistung (hier ist wohl installierte Kraftwerksleistung gemeint) nicht gleich verfügbare Kraftwerksleistung ist. Ein Teil der installierten Kraftwerksleistung ist durch Revision oder Betriebsstörungen stetig nicht verfügbar.

      Mit der verfügbaren Kraftwerksleistung von 86,8 GW zitiere ich ENTSO-E/BDEW, die diese Kapazität als “gesicherte Leistung” für den Zeitpunkt der Jahreshöchstlast 2012 ermittelt haben. Zusammen mit der Prognose von 80,6 GW für die Jahreshöchstlast ergibt sich eine Reserve von 6,2 GW für Betriebsstörungen, bevor tatsächlich Strom importiert werden müsste, um den Verbrauch zu decken. Nachdem die Höchstlast in den Sommermonaten um einiges niedriger als im Winter ist, bleibt Spielraum für Revisionen in der Größenordnung von 6-9 GW, siehe dazu Kapitel 4 der Kurzanalyse des Öko-Instituts vom April 2011.

      Was für ein Unsinn, “8 gefährlichsten Kernkraftwerke”, der Verfasser dieses Beitrages sollte die Stresstests dieser Kernkraftwerke zu Rate ziehen

      Danke für den Hinweis (auch wenn er freundlicher hätte ausfallen können). Korrekt ist, dass die 7 ältesten AKWs und Krümmel abgeschaltet wurden. Ob das nun tatsächlich die gefährlichsten Reaktoren waren, ist für das Thema des Artikels nicht relevant und soll deswegen hier nicht diskutiert werden. Ich habe die Formulierung im Artikel entsprechend geändert.

      Ideologisches Denken schränkt ein, Fachwissen bringt den Menschen voran.

      Da bin ich ganz derselben Meinung. Fachlich begründete Kritik nehme ich gerne auf.

  2. S. Wieder sagt:

    Tolle Analyse – danke

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